Austria
ID: Labels
Labels der österreichischen elektronischen Musikszene.
A
A.T.C. Records
Die zitierte Idee des Labels – eine Szene existiere nur, wenn Menschen fest an sie glauben – passt zu seinem überschaubaren lokalen Netzwerk. A.T.C. verfolgt keinen einheitlichen Clubsound: Modulare Synthese, Bandschleifen, Field Recordings und langsame Dubstrukturen verankern die Veröffentlichungen in Textur und Ort.
ViennaAnalogique
Analogique versteht Fairness als Teil seiner Ästhetik. Die Musik reicht von Electronic Pop und Clubproduktionen bis zu Spoken Word und Soundscapes; der gemeinsame Nenner ist der Widerstand gegen Vereinheitlichung. Die Veröffentlichungen wirken eher wie Einladungen in ein Netzwerk Gleichgesinnter als wie Produkte einer hierarchisch geführten Marke.
ViennaAnaves Music
Anaves nähert sich elektronischer Produktion über Riddimkultur statt über Clubkategorien. Saxofon, räumlicher Dub, Lo-Fi-Texturen und bassbetonte Studioarbeit verleihen dem Katalog die Wärme live gespielter Musik. Kooperationen verbinden Wien zugleich mit einem internationalen Netzwerk aus Reggae und Beatproduktion.
B
base [records]
base ist untrennbar mit Dorningers umfassenderer Praxis verbunden, Linz wie ein Instrument zu behandeln. Field Recordings, Radio, handgefertigte Schaltungen, räumliche Projekte und vom Club abgeleitete Rhythmen fließen gleichermaßen in den Katalog ein. Die Beständigkeit des Labels beruht weniger auf einem konventionellen Veröffentlichungsplan als auf der fortlaufenden Überführung künstlerischer Forschung in Aufnahmen.
ViennaBlu Saphir Recordings
Blu Saphir ist eine langjährig gewachsene österreichische D&B-Infrastruktur und nicht bloß ein einzelnes eng gefasstes Imprint. Die Identität begann am Liquid-Funk-Ende des Spektrums und öffnete sich später für Deep, atmosphärische und technischer geprägte Produktionen sowie Jungle. Auch der jüngere Katalog funktioniert als aktive Szenenplattform: Internationale Mitwirkende stehen neben Aktivitäten mit Wien-Bezug, während die Dachstruktur mehrere Kataloglinien unterscheidbar hält, ohne ihre unterschiedlichen Stimmungen einzuebnen.
C
Cheap Classics
Cheap Classics öffnet eines der folgenreichsten Archive der Wiener Elektronikmusik erneut. Sein Wert liegt nicht allein darin, alte Master online verfügbar zu machen. Das Projekt stellt auch den Kontext einer spielerischen, reduzierten und international vernetzten Spielart des Techno der 1990er Jahre wieder her und lädt zeitgenössische Remixer dazu ein, ihre heutige Wirkung zu erproben.
Viennacol legno
col legno nähert sich der Elektronik aus dem Kompositionsstudio statt aus der DJ-Kanzel. Der Katalog bietet Raum für Computermusik, Liveprocessing, Systeme aus Orgel und Elektronik sowie hybride Werke, in denen akustische Virtuosität und elektronische Struktur untrennbar sind. Die Idee der „new colours“ ist eine passende Kurzformel: Das Repertoire folgt der Neugier auf Klangfarbe und Form, nicht einer einzelnen Schule.
E
Editions Mego
Editions Mego gehört zu den seltenen Katalogen, in denen „experimentell“ eine Methode und kein Genre bezeichnet. Die Veröffentlichungen können abrasiv, rhythmisch, filmisch, intim oder beinahe poppig sein; gemeinsam ist ihnen der Drang, Werkzeuge entgegen ihren Voreinstellungen zu verwenden. Die Fortführung seit 2021 verbindet kuratorische Verantwortung mit neuen Aufträgen: Archivarbeiten stehen neben neuen Alben und halten Rehbergs Karte offen, statt sie als Denkmal einzufrieren.
ViennaElectropia Records
Electropia behandelt eine Platte weniger als abgeschlossenes Produkt denn als eine Oberfläche eines größeren Kunstwerks. Maschinenrhythmen und Detroit-Bezüge bleiben im Clubkontext lesbar, während Field Recordings, wissenschaftliche Metaphern und Ausstellungspraxis die Musik immer wieder in Richtung Installation und spekulativer Klangkunst ziehen.
LinzEtage Noir Recordings
Etage Noir verwandelte das visuelle und musikalische Universum eines Produzenten in eine international verständliche Labelidentität. Der vertraute Swing aus Bläsern und Breakbeats ist nur eine Schicht: Jüngere Veröffentlichungen neigen zu glänzendem Electronic Pop, filmischen Texturen und Clubremixen, bewahren aber jene sorgfältige retro-moderne Gestaltung, die Parov Stelars Arbeit unverkennbar machte.
F
Fabrique Records
Fabrique arbeitet weniger wie ein Imprint für ein einzelnes Genre als wie eine kuratierte Grenzzone zwischen elektronischer Produktion, Klangkunst, filmischer Komposition und Art-Pop. Der Katalog bietet atmosphärischen clubnahen Arbeiten, elektroakustischen Alben und Songwriterprojekten Platz, ohne ihre Unterschiede zu kaschieren. Verlag und Management erweitern die Arbeit zur umfassenderen Künstlerentwicklung; die Tonträgerveröffentlichungen bleiben dennoch klar dokumentiert.
Feber Wolle
Wiener Label und Studio für lokal produzierte experimentelle Musik.
ViennaforTunea / Fortunea Records
forTunea fängt die gesellige, plattenorientierte Seite des Wiener House ein: tiefe Grooves, Erinnerungen an Disco, Broken-Beat-Details und Melancholie nach der Sperrstunde. Kleine handnummerierte Auflagen halten den Katalog physisch greifbar, während der Kreis der Acts über Österreich hinausreicht, ohne sein lokales Zentrum zu verlieren. So entsteht ein zurückhaltendes, aber schlüssiges Imprint, dessen Entwicklung sich Veröffentlichung für Veröffentlichung nachvollziehen lässt.
H
I
Ink Music
Ink ist eher ein Unternehmen für Künstlerentwicklung als ein Genre-Imprint. Seine elektronische Bedeutung liegt in Acts, die Clubproduktion und Synthesizertexturen in dauerhafte Popkarrieren übersetzen, darunter Leyya, 5K HD, Sharktank und verbundene Projekte. Das breitere Roster verhindert zugleich, dass das Label fälschlich als rein elektronisch dargestellt wird.
Interstellar Records
Interstellar versteht ein Label als langlebiges Netzwerk und nicht als Genrekiste. Eine Noise-Rock-Platte kann neben elektroakustischer Improvisation, synthesizergeleiteter freier Musik oder einem grenzüberschreitend entstandenen Tape stehen, zusammengehalten von einem ausdrücklich gelebten DIY-Glauben an Unabhängigkeit und Zusammenarbeit. Splits, gemeinsame Veröffentlichungen und kleine physische Auflagen sind keine Nebenprodukte, sondern die Arbeitssprache des Imprints.
J
K
KAIROS
KAIROS dokumentiert elektronische Musik dort, wo sie von Partitur, akustischem Raum und der Forschungstradition zeitgenössischer Komposition nicht zu trennen ist. Akusmatische Werke, Tonbandschichten, Computerprozesse und Live-Elektronik werden mit derselben redaktionellen Sorgfalt behandelt wie instrumentales Schreiben, meist begleitet von umfangreicher Dokumentation und genau ausgewiesenen Interpretinnen und Interpreten.
ViennaKlanggalerie
Klanggalerie ist vom langen Gedächtnis eines Sammlers und der Weigerung eines Enthusiasten geprägt, Genregrenzen zu respektieren. Die Neuauflagen retten sperrige Industrial-, Post-Punk- und Avant-Pop-Platten, während neue Aufträge diese Geschichten mit Improvisatoren, Elektronikkomponisten und eigenwilligen Ensembles ins Gespräch bringen. Die Fülle gehört zum Charakter des Labels: kein makelloser Kanon, sondern eine lebendige Bibliothek abenteuerlicher Klänge.
L
M
MAMKA
MAMKA versteht den physischen Tonträger als Teil der Komposition. Linolschnitte, gewebte Hüllen, Leiterplattenmotive, Endlosrillen und Anweisungen zum Rückwärtsabspielen übertragen die Collagelogik der Musik auf das Objekt. Literatur, Stimme, Field Recordings und Elektronik treffen in Editionen aufeinander, die handgemacht wirken, ohne nostalgisch zu werden.
ViennaMORBIT EXILE RECORDS
Das Label wirkt wie ein Zuhause für Elektronikprojekte außerhalb einer einzigen Szenenhierarchie. Liquid Drum & Bass, nebliger Ambient, progressive Clubmusik und Post-Punk-Elektronik teilen sich eine bewusst schlanke DIY-Präsentation. Genau diese Breite ist der Punkt: MORBIT EXILE dokumentiert ein loses Wiener Netzwerk, statt einen einheitlichen Haussound durchzusetzen.
N
Neubau
Das Brutalismus-Motto steht eher für Struktur als für stumpfe Gewalt. Neubau-Platten verbinden häufig starre Rhythmen mit eingängiger Eigenwilligkeit: nervöse Percussion, dissonante Synthesizer, Punkhaltung und unerwartete melodische Hooks. Die Wiener Identität des Imprints ist architektonisch und sozial, nicht bloß postalisch.
SalzburgNight Defined Recordings
Night Defined bevorzugt Clubmusik mit durchlässigen Rändern: Tracks können in einem Set funktionieren und zugleich Raum für Stille, Jazzharmonik oder das Tempo von Klangkunst lassen. Vonbanks weitere Arbeit mit Jazzit, Club Commission und vierundvierzig stärkt die Salzburger Identität, doch das Label bleibt ein eigenständiger Veröffentlichungsbetrieb.
ViennaNoise Appeal Records
Die elektronische Bedeutung des Labels entsteht eher durch Reibung als durch Clubfunktion. Pulsierende Elektronik, Industrial-Pop-Strukturen und Noisepraxis stehen neben lauten Gitarren; Noise Appeal gehört deshalb nur mit sichtbarer Kennzeichnung seines angrenzenden Spektrums in den Index. Der Katalog wird stärker durch physische Wucht und Undergroundethik als durch eine bestimmte Instrumentierung zusammengehalten.
P
S
sama recordings
samas Katalog wirkt eher nach einer Haltung zum Hören als nach Tempo geordnet. Eine meditative Tonbandarbeit und eine für die Tanzfläche gedachte Basscompilation können nebeneinander bestehen, weil beide Textur, räumliche Details und eine unaufgeregte Form bevorzugen. Der neue eigenwillige Basszweig macht diese Logik sichtbar, ohne die älteren experimentellen Reihen einzuebnen.
ViennaSeayou Records
Seayous Bedeutung für die österreichische Elektroniklandschaft liegt in seiner Durchlässigkeit. Synthpop, Clubproduktion, experimenteller Pop und Gitarrenmusik nutzen hier dieselbe Infrastruktur. Die elektronische Identität des Labels zeigt sich daher in einzelnen Acts und Veröffentlichungen statt in einer einheitlichen Klangästhetik; diese stilistische Breite gehört sichtbar zum Profil.
Viennasmallforms
Die Produktionseinheit des Labels ist häufig nicht das Studioalbum, sondern die Begegnung: Künstlerinnen und Künstler kommen zusammen, hören einander zu, nehmen auf und treten in einem verbundenen Rahmen auf. So dokumentiert smallforms die Zirkulation experimenteller Musik in Wien – weniger als Genreinstanz denn als aufmerksamer Raum, dessen Aufnahmen die Reibung zwischen Elektronik, Instrumenten und Stimmen bewahren.
Steinklang Industries
Steinklang gehört zum älteren, stark von physischen Veröffentlichungen geprägten Zweig des österreichischen Elektronikuntergrunds: strenge Gestaltung, limitierte Objekte und eine Klangwelt aus Maschinen, ritueller Atmosphäre, Reibung und Wiederholung. Der Katalog bewegt sich zwischen massiver Industrial-Härte und langsamerem Ambient oder von Folk überschattetem Material; Format und Edition werden dabei häufig als Teil des Werks verstanden.
ViennaSzeretet Records
Dieses Mikrolabel trägt deutlich die Handschrift einer Person; seine Wärme ist wörtlich wie musikalisch gemeint. Romantische Losungen, verspielte Pseudonyme und vertrautes Ausgangsmaterial machen die Seite zu einem fortlaufenden Austausch zwischen Hauspartyhumor und liebevoller Editkultur. Dieselbe Informalität, die Szeretet seinen Charme verleiht, verlangt bei öffentlicher redaktioneller Nutzung besondere Aufmerksamkeit für die Rechteklärung.
T
Tender Matter
Tender Matters Stärke liegt nicht in einem festgelegten Sound, sondern in einer Politik der Aufmerksamkeit. Bedroom-Produktion, intime Stimmen, Rhythmic Noise, modulare Synthese, Drone und zeitgenössische Komposition gelten hier als gleichwertige Ausdrucksformen. Das Label macht Verletzlichkeit zur tragenden Struktur: Veröffentlichungen, Veranstaltungen und gegenseitige Unterstützung verstärken einander.
ViennaTrost Records
Trost überträgt die Do-it-yourself-Logik des Punk auf freie Improvisation: direkte, physische und auf die Acts ausgerichtete Veröffentlichungen, die Reibung, Risiko und kollektive Begegnung zulassen. Elektronik tritt über Plattenspieler, Verstärkung, Livebearbeitung, Noise und elektroakustische Komposition hinzu – oft als weiteres unberechenbares Instrument statt als glatt produzierte Ebene.
ViennaTRUST
TRUST versteht Electro als spekulativen Weltenbau: metallische Rhythmusforschung, Acid-Schaltkreise und fiktive Forschungsberichte bilden eine geschlossene redaktionelle Sprache. Das Label ist historisch fundiert, ohne zum Archiv zu erstarren. Neue Platten von Orlando Voorn und Pharmasoniq verbinden Detroits Traditionslinie, Wiener Machine Funk und zeitgenössische Breaks in einem Katalog, der bis heute klar kuratiert statt bloß angesammelt wirkt.
V
Ventil Records
„Ventil“ bezeichnet ein Ventil – ein passender Name für die Vorliebe des Labels für Druck, Entladung und instabile Grenzen. Der Katalog beginnt häufig bei körperlich erzeugtem Klang: Bassgitarre, Stimme, Feldaufnahme oder verstärktem Objekt. Digitale Prozesse machen daraus durchlässige Genreformen. Veröffentlichungen und Veranstaltungen sind zwei Seiten derselben kuratorischen Idee.
vierundvierzig
vierundvierzig ist ein elektronisches Label mit städtischem und gemeinschaftlichem Maßstab. Die Musik wächst aus einem clubkulturellen Verein; seine Veröffentlichungen bewahren Arbeiten, die sonst womöglich in Salzburgs Partys, Studios und Radioaustausch geblieben wären. Der Katalog bewegt sich selbstverständlich von warmem House und tiefem Dub Techno zu gebrochenem Electro, nachdenklichem Ambient und Beatexperimenten.
W
Waschsalon Records
Waschsalon funktioniert weniger wie ein klassisches geschmacksprägendes Imprint als wie eine gemeinsame Werkstatt. Ein kleiner Kreis Wiener Musiker baut die Veröffentlichungsstruktur, die seine Ensembles benötigen, und lässt die Musik von genau gesetztem Kammerjazz bis zu ungebändigter Improvisation und elektronisch bearbeitetem Ensembleklang reichen. Die Sprache rund um das „Waschprogramm“ ist verspielt, das Arbeitsmodell dahinter ernst: Kontrolle bei den Acts, lokale Zusammenarbeit und geduldige physische wie digitale Dokumentation.
ViennaWonkey Records
Wonkey betritt die Wiener Clublabellandschaft mit einem bewusst frechen Slogan und einem kompakten, konsequent auf die Tanzfläche gerichteten Programm. Der junge Katalog hält rauen Electro und tiefer angelegte House- und Tech-House-Stücke im Gleichgewicht. Sein kleiner Umfang macht die kuratorische Idee gut lesbar, während die Organisation dahinter noch wenig transparent bleibt.