ID: INTERVIEW · AUSTRIA

mariephi.

Den nächsten Track finden.

mariephi über warme Closing-Tracks, b2b wie Tischtennis und das Gespür für einen Raum, der sich langsam füllt.

Im Gespräch mit mariephi
mariephi im seitlichen Porträt · SCENE:ID
Foto: Bild bereitgestellt von mariephi · SCENE:ID Farbgestaltung

Eine Platte kann den Weg nach Hause begleiten oder ein stundenlanges Gespräch an den Decks eröffnen. Für mariephi liegt der Reiz im richtigen Moment: wenn ein vertrauter House-Track nach einer langen Nacht anders wirkt, wenn beim b2b eine unerwartete Antwort kommt oder sich ein leerer Raum allmählich füllt. Die Wiener DJ und Gestalterin erzählt von Musik, die in den Plattenkoffer wandert, und davon, wie aus genauem Hinhören auch ein visuelles Konzept entstehen kann.

Als mariephi legt Marie Riedl auf; als Gestalterin arbeitet sie unter anderem an Grafiken für Veranstaltungen und Vinyl-Releases. In diesem Gespräch führt sie uns von einer Soul-Capsule-Platte über gemeinsame Sessions und ein langes Warm-up im PRST bis zu ihrer Arbeit für Rhythm Science. Fünf Fragen per E-Mail, behutsam redigiert und für die englische Fassung übersetzt.

01 / IM GESPRÄCH

Ein Track für den Heimweg.

mariephi sitzt vor einer hellen Wand.
Foto: VictoriaV · SCENE:ID Farbgestaltung

Welche Platte oder welcher Track hat dich zuletzt so beschäftigt, dass du ihn unbedingt in einem Set unterbringen wolltest? Was hat dich daran gepackt – und wie findest du den passenden Moment dafür?

Bei meinem letzten Vinylkauf auf Discogs bin ich bei einem Seller wieder auf einen echten Klassiker gestoßen: die Overcome EP von Soul Capsule. Die Platte von 1999 wird dort für gut 200 Euro gehandelt. Zum Glück gibt’s aber einen Repress von 2022. So ein emotionaler Track wie „Lady Science“ passt perfekt in ein Closing-Set und ist dann auch direkt in den Koffer für die letzte Afterhour gewandert.

Die soften, warmen Klänge, die simplen Vocals: einfach Gänsehaut. Gerade wenn man schon die ganze Nacht durchgetanzt hat – damit geht man gerne nach Hause. Die Möglichkeit, diesen Track auf einem guten Soundsystem zu hören und dabei den Leuten ins Gesicht schauen zu können, wie sie sich komplett auf die Musik einlassen und mit geschlossenen Augen zuhören: Dafür steht man auch gerne mal um acht Uhr auf, um ein Afterhour-Set zu spielen.

02 / IM GESPRÄCH

Eine Antwort auf die nächste Platte.

mariephi blickt in einem dunklen Innenraum zur Kamera auf.
Foto: VictoriaV · SCENE:ID Farbgestaltung

Du erzählst von vielen spontanen b2b-Sessions. Woran merkst du beim gemeinsamen Auflegen, dass ihr euch musikalisch versteht? Erzähl gern von einem Moment, in dem jemand etwas aufgelegt hat, das dich auf eine gute neue Idee gebracht hat.

Die spontanen b2bs entstehen meist in einem ungezwungenen, persönlichen Rahmen zu Hause. Oft probiere ich da Tracks aus, die ich gerade neu gekauft und selbst noch nicht mal laut gehört habe. Man tauscht sich dann auch gerne untereinander aus, fotografiert nicht selten ein Plattenlabel ab oder schickt sich nachher noch Musik hin und her, von der man glaubt, dass sie dem anderen gefallen könnte.

Es geht um nichts. Man darf hier auch mal mutig sein, ohne den Druck, einen Raum zum Tanzen bewegen zu müssen. Hier ist dann auch Platz für die leicht schrägen, quirky oder minimalistischen Sounds.

Es ist wie beim Tischtennis – man schießt den Ball auf die andere Seite und wartet auf die Antwort. Das ist ein Spiel, das mit den richtigen Leuten stundenlang so weitergehen kann.

Es ist wie beim Tischtennis – man schießt den Ball auf die andere Seite und wartet auf die Antwort.
03 / IM GESPRÄCH

Zeit, eine Geschichte aufzubauen.

mariephi im schwarzen Oberteil vor einem hellen Vorhang.
Foto: Bild bereitgestellt von mariephi · SCENE:ID Farbgestaltung

Über dein dreieinhalbstündiges Warm-up vor Narciss im PRST hast du besonders schön geschrieben. Wie baust du über so eine lange Zeit Spannung auf, ohne zu früh alles auszuspielen? Gab es an diesem Abend eine Entscheidung, mit der du im Nachhinein besonders zufrieden warst?

Wenn man noch nicht so lange hinter den Decks steht, wird man natürlich viel für Warm-ups gebucht. Ich finde die Aufgabe aber besonders wichtig, da man die Leute in den Raum hineinbegleitet und die Stimmung für den Abend aufbaut. Im PRST ist der Warm-up-Slot auch bewusst von 23 bis zwei Uhr angesetzt, damit man Zeit hat, eine kleine Geschichte aufzubauen. Hier hilft einem ein gutes Einfühlungsvermögen.

Direkt am Anfang sein ganzes Pulver zu verschießen, hat wenig Sinn, weil es dann keine Möglichkeit mehr gibt, Spannung aufzubauen. Banger nach Banger wird auf Dauer auch langweilig. Außerdem soll ja auch für den Main Act noch Raum für Entwicklung da sein.

An dem oben genannten Abend habe ich sehr, sehr langsam und entspannt angefangen. Es war ein heißer Sommerabend, an dem die Leute dementsprechend erst später gekommen sind. Wenn der Raum sich dann auf einmal schnell füllt, kann man mit der Stimmung der Leute gehen. Bis 2:30 Uhr reicht es dann natürlich nicht mehr, nur entspannten Deep House zu spielen, und so wird aus einem geplanten Warm-up ein fließender Übergang zum Höhepunkt der Nacht.

04 / IM GESPRÄCH

Musik hören, Bilder finden.

Du gestaltest auch Grafiken für Veranstaltungen und Vinyl-Releases. Wenn du ein musikalisches Projekt visuell übersetzt: Womit fängst du an? Gibt es eine konkrete Arbeit, bei der sich dein Hören und dein Gestalten besonders stark beeinflusst haben?

Ich habe schon während des Studiums gerne Design mit Musik verknüpft. Für ein Uni-Projekt zu Personal Branding habe ich damals eine Art analogen Blog mit einer Sammlung aus persönlichen Zeichnungen und Fotos gestaltet, der zu jedem Abschnitt einen eigenen Soundtrack beinhaltet hat. Viele dieser Titel höre ich jetzt noch gerne zum Arbeiten.

Wenn ich heute an der grafischen Gestaltung für ein Recordlabel arbeite, starte ich, indem ich die Musik rauf und runter höre und für mich notiere, was für Assoziationen ich beim Hören habe. So ist auch vor ein paar Monaten die Phonk EP von Michael Wagner für Rhythm Science entstanden. Gemeinsam mit dem Artist sind wir meine Vorschläge durchgegangen und haben überlegt, welcher Entwurf die Musik optisch am besten repräsentiert und zugleich auch in die Serie der anderen Rhythm-Science-Releases passt.

Mein Traum ist es ja, irgendwann vielleicht mal selbst mein eigenes Artwork zu gestalten, aber das ist momentan – wortwörtlich – noch Zukunftsmusik.

05 / IM GESPRÄCH

Was einen Ort ausmacht.

In Aubergine und Rosé getöntes Porträt von mariephi mit Blick in die Kamera.
Foto: Bild bereitgestellt von mariephi · SCENE:ID Farbgestaltung

Du bist selbst gern auf dem Dancefloor und stehst bei ganz unterschiedlichen Wiener Abenden hinter den Decks. Welche Begegnung oder welcher Ort hat dir zuletzt musikalisch etwas Neues eröffnet – und was davon ist dann in deine eigenen Sets gewandert?

Musik war auch schon vor dem Auflegen immer meine treibende Kraft, auszugehen. Wenn die Musik für mich stimmt, braucht es sonst nicht mehr viel. Schön ist es aber natürlich, wenn Orte geschaffen werden, die auch abseits vom Dancefloor Magie kreieren. Das gelingt besonders gut auf Festivals oder Open-Airs von kleinen Kollektiven, die mit Liebe dekorieren oder mit top Awareness-Konzepten dafür sorgen, dass auch FLINTA* sich sicher fühlen und entspannt feiern können.

Einer dieser Orte war für mich das Wirtshaus zum Dritten Tage (Club Galerie) in Nickelsdorf, bei dem ich Anfang September gemeinsam mit Lisstn das Warm-up spielen durfte. Hier hat alles gestimmt: Organisation inklusive Shuttle aus Wien, spezielle Location mit top Sound und super Leuten hinter und vor den Decks.

Mein musikalisches Highlight war Sibil, die uns im Juni schon im PRST mit ihrem abwechslungsreichen Closing-Set verzaubert hat. Ihre Sets sind immer wieder eine Überraschung, bei der man Track für Track abwartet, was als Nächstes kommt, und nie enttäuscht wird.

WEITERENTDECKEN

mariephi

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Bild bereitgestellt von mariephi · SCENE:ID Farbgestaltung · VictoriaV · SCENE:ID Farbgestaltung